Spontan mit einer Schweigeminute reagiert

Gebürtige Haitianerin Aifa L. löste an Waldschule Spendenwelle aus / Langjährige Kontakte der Schule

Von Robert Goldberg Schwanewede.

Bis Freitag hat sie um Tante, Onkel und ihre vier Cousinen in Port-au-Prince gebangt, dann kam über die Schwester Jeanne d'Arc aus Bremen-Walle die erlösende Nachricht: Sie leben. Die gebürtige Haitianerin Aifa L. ist Schülerin der Waldschule Schwanewede, gemeinsam mit der Lehrerin Gudrun Chopin hat sie an ihrer Gesamtschule zu einer Spendenaktion aufgerufen. Seit gestern stehen dort die Sammelbüchsen.

Mit einem bewegenden Aufruf wandte sich Aifa, von der nur die engsten Freunde wussten, dass sie aus Haiti stammt, an ihre Mitschüler: "Liebe Schüler und Schülerinnen der Waldschule, mein Name ist Aifa L., ich bin 17 Jahre alt und Schülerin der Waldschule. Ich bin auf Haiti geboren und mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Ich habe meine frühe Kindheit in Haiti Port-au-Prince verbracht.

Als ich von dem furchtbaren Erdbeben erfuhr, das meine Heimatstadt und das übrige Haiti getroffen hatte, war ich sehr traurig und habe geweint. Eine besondere Verbindung zu meinem Geburtsland habe ich noch zu meiner Tante, ihren Mann und deren vier Töchtern. Anfangs waren wir sehr besorgt, weil wir die Befürchtung hatten, dass unsere Familienangehörigen nicht mehr am Leben sind. Jedoch befinden sie sich in einer sehr kritischen Situation, da ihr Zuhause in Trümmern steht. Leider können wir zurzeit nur abwarten und das Einzige, was ich persönlich tun kann, ist, Euch um eine kleine Spende an mein Land zu bitten. Wenn jeder ein oder zwei Euro übrig hätte oder auch mehr, wäre das für den Einzelnen kaum der Rede wert. In der Gesamtheit würde es jedoch einen kleinen Beitrag dazu leisten, das unvorstellbare Elend in meinem Land zu lindern." Betroffenheit ausgelöst Doch Aifa beließ es nicht bei dem Aufruf: Gemeinsam mit der Lehrerin Chopin zog sie durch die Klassen und löste erst einmal starke Betroffenheit aus: "Aifa erzählte, nur die wenigsten der Schüler wussten, dass sie aus Haiti stammt. Als sie vor die Klasse 6R4 trat, trat spontan erst einmal eine Schweigeminute ein. Die Schüler wussten nichts zu sagen", erzählt Gudrun Chopin, noch immer sichtlich gerührt.

Die beiden zwölfjährigen Schüler Fabian und Nils handelten spontan: Noch am Freitagnachmittag zogen sie mit einer Spendendose durch ihren Wohnort Löhnhorst, klingelten an den Türen von Nachbarn und Bekannten - die spontane Idee brachte gut 200 Euro auf den ersten Schlag ein.

Schulleiter Detlev Fischer zögerte nicht lange: "Angesichts der Katastrophe in Haiti und einer Situation, die sich durch teils starke Nachbeben eher noch verschlechtert, sind wir alle aufgerufen, den Menschen dort nach unseren Möglichkeiten zu helfen. Die Waldschule unterstützt den Aufruf einer ihrer Schülerinnen, die aus Haiti stammt und noch Familienangehörige in Port-au-Prince hat", ließ er per Aushang in der Schule verbreiten.

Gudrun Chopin erinnert an die Hilfe, die an der Waldschule schon Tradition hat: "Wir haben an der Waldschule schon lange einen direkten Draht nach Haiti: über Optiker Werner Schulze. Werner Schulze fliegt so bald wie möglich nach Haiti."

Wie berichtet, sammelt der Optiker aus Blumenthal seit nunmehr 24 Jahren ausgediente Brillen für den Inselstaat; vor Ort baut er mithilfe der Bremer Lions-Clubs die Augenklinik in Port-au-Prince (wieder) auf. Zufall?: Heute genau vor 16 Jahren begann die Zusammenarbeit mit der Waldschule Schwanewede, die erste Partie 800 Brillen wurde auf den Weg gebracht.

Seit Ausbruch des Erdbebens bangte Aifa um ihre Familie in Port-au-Prince, wenngleich sie seit der Übersiedlung nach Deutschland im Alter von vier Jahren nicht mehr in Haiti war: "Das war uns immer zu gefährlich, man las so viel von Killerbanden." Doch über Telefon und vor allem über Internet hielt sie immer den Kontakt zur Schwester ihrer Mutter und den vier Cousinen im Alter zwischen 23 und acht Jahren. "Ihr Haus ist sogar teilweise noch heile geblieben", lacht Aifa.

Doch alleine konnte sie die täglichen Elendsnachrichten aus ihrem Heimatland nicht ertragen. Sie suchte Mitstreiter und findet sie in Fabian und Nils - und hoffentlich noch in vielen Waldschülern. Fabian wurde am 16. Januar zwölf Jahre alt, wollte zunächst sein ganzes Geburtstagsgeld spenden - sein Engagement gehört Haiti.