"Von einer, die auszog das Fürchten zu lernen" als Grusical bearbeitet / Freitag Premiere der Theater AG

Von Alexander Bösch Schwanewede.
Es geht um Angst. Darum, sie zu überwinden und zu demaskieren, aber auch um Werte wie menschliche Nähe und Zärtlichkeit. Gleichzeitig ist gepflegter Grusel angesagt. Wenn die Theater AG der Waldschule am Freitag ihr neues Stück "Von einer, die auszog das Fürchten zu lernen" präsentiert, geben sich Figuren wie der "gespenstische Weberknecht", die "verdammte Margret" und die unheilvolle "Spinnenlenor" die Klinke in die - mitunter skelettierte - Hand. Als mit der zum "Grusical" umgearbeiteten Version des bekannten Märchens der Gebrüder Grimm das diesjährige Stück feststand, spielten die Schüler der Klassen 5 bis 8 zunächst Angst machende Szenen nach und entwickelten daraus das aktualisierte Manuskript. "Früher hab ich das Märchen nie verstanden", bekennt Gudrun Chopin, die die Proben zusammen mit ihrer Kollegin Traute Meiners leitet und den quirlig-kreativen Haufen während der turbulenten Proben gewohnt kreativ antrieb.
Alltagssituationen voller Angst In dem Märchen wird eine Tochter mit Außenseiterrolle von ihrer Familie verstoßen und schließt sich darauf einer Theatergruppe an. Da auch diese Truppe aus dem Dorf gejagt wurde, weil man ihr Spiel nicht verstand, befinden sich beide in einer ähnlichen Situation. Das Fürchten kann die vagabundierende Truppe dem Mädchen zwar nicht beibringen, auf der nun folgenden Odyssee aber trifft man gemeinsam auf diverse Alltagssituationen, in denen die Angst vorherrscht, darunter auch eine Großküche und - mit aktualisiertem Bezug - eine Schule.
Vor allem ein ängstlicher Burgherr muss von seiner unbegründeten Furcht erst noch kuriert werden. Schaurige Moorgespenster, die in der Inszenierung der Waldschüler zu Michael Jacksons "Thriller" tanzen und eine anrührende Liebesgeschichte zwischen dem Sohn des Burgherren und der angstlosen Tochter sorgen für zwei der vielen Highlights. "Kinder haben ja heute vor nichts mehr Angst, aber vor Liebe und Zärtlichkeit schon", analysiert Claus Köster, der zusammen mit Klaus Pfitzner für die sprachliche Artikulation und das rhythmische Sprechen zuständig ist. Das nämlich ist gefordert, wenn die Schauspieltruppe bei ihrem "Spiel im Spiel" Zeilen aus dem Gedicht "Der Knabe im Moor" zu skandieren hat. Beispiel: "Oh schaurig ist's über Moor zu gehen, sich wie Phantome die Dünste drehen ". Da wird die Zeile "Huhu, es bricht wie ein irres Rind" im phonetischen Wirrwarr schon mal zum zum "wirren Kind". Unbeirrt dirigiert der ehemalige Pastor Pfitzner seine schauspielernden Schäfchen und lässt diese im Chor die abgewandelten Verse von Annette von Droste -Hülshoff skandieren. "Gemeinsam in einem Tempo zu sprechen, sind die ja gar nicht mehr gewohnt", meint Pfitzner, knüpft aber an die gemeinsamen Proben die Hoffnung, ein gesteigertes literarisches Interesse bei den Schülern zu wecken. "Hast du gerade geflüstert oder war das ein Husten? Du hast nicht ins Publikum gesprochen, das muss viel lauter werden!", heißt es darauf.
Bald schon intonieren die Darsteller auf der Nebenbühne lauter, auf der sich der ängstliche Burgherr auf einem mit Gold besprühten Rattanstuhl als Thron seinen Neurosen hingibt. Auf der Hauptbühne wuseln derweil schaurige Moorleichen zwischen einer ominösen Schatztruhe, einem Brunnen und silbernen Birkenstämmen herum. Auch der Waldschulchor wirkt mit. Angesichts einer solchen Menge an Teilnehmern müssen alle Bewegungsabläufe natürlich koordiniert werden. Die Schüler aber nehmen ihre Proben ernst, unterschrieben vorab sogar eine freiwillige Verpflichtungserklärung, zum Gelingen des Stücks beitragen zu wollen. Da muss natürlich auch die gespielte Angst der ansonsten furchtlosen Tocher sitzen. "Ich hab oft an Spinnen gedacht", erzählt die 11-jährige Katharina. Wenn dann auch die Zuschauer endlich das Fürchten gelehrt wird, haben auch Bedürftige etwas davon: Der Erlös kommt wieder Schulkindern in Afghanistan sowie der Schwaneweder Tafel zugute.
© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: Die Norddeutsche Seite: 6 Datum: 04.05.2010