Liebe Leserin, lieber Leser,
alle fünf Jahre gibt die Waldschule ein großes Jahrbuch heraus. Das neue Heft, ist genau das fünfte in der Serie dieser Jahrbücher.
Im vergangenen Jahrbuch habe ich mich unter der Überschrift „Auf ein Wort“ über den Nutzen internationaler Vergleiche, über die reale Unfähigkeit zu einer einheitlichen Bildungspolitik in Deutschland und über die Leistungsfähigkeit und Attraktivität der kooperativen Gesamtschule geäußert.
Das geschah zu einem Zeitpunkt, zu dem die neue Regierung in Niedersachsen die Orientierungsstufe abgeschafft hatte und insgesamt eine starke Rückbesinnung auf das traditionelle dreigliedrige Schulsystem stattfand. Grundschulen verfassen seitdem die Schulempfehlungen schon nach Klasse vier. Weil die Schulen anderer Staaten angeblich deutlich mehr Berechtigungen für einen Hochschulzugang hervorbrachten, sollten die Abiturientenquoten erhöht werden. Weil auf dem Arbeitsmarkt ein Fachkräftemangel vorhersehbar wurde, sollten die Quoten der Schulabgänger ohne Abschluss gesenkt werden. Hauptschulen wurden durch Mittel und Personal gestärkt, ihre Schülerzahlen pro Klasse gesenkt und die der anderen Schulformen erhöht. Bei allen Maßnahmen blieb der freie Elternwille erhalten, also das Recht der Eltern, die Schulform für ihr Kind zu bestimmen (den es übrigens in Bayern nicht gibt). Der galt allerdings nicht für den vielfach starken Wunsch nach Gesamtschulen. Deren Neugründung wurde untersagt.
Bei all dem verlangte und verlangt unsere Gesellschaft junge Menschen, die in immer stärkerem Maße für sich selbst und das Gemeinwesen Verantwortung übernehmen, die sich benehmen können, die in der Lage sind, Probleme eigenständig zu lösen, Informationen zu finden und zu präsentieren, selbstständig dazuzulernen. Vor allem die Schule sollte hier ausgleichen, was viele Elternhäuser nicht mehr leisten wollen oder können. Die Pädagogik reagierte entsprechend und neue Ziele wurden für Schulen formuliert. Die unterstrichen in ihrer logischen Konsequenz unter anderem wie wichtig es ist, dass junge Menschen voneinander lernen, dass sie in möglichst großer Vielfalt gemeinsam leben und dennoch Lernumgebungen finden, die ihren ganz persönlichen Begabungen Rechnung tragen, dass sie also individuell gefördert und begleitet werden.
Auch Schulen wurden richtigerweise immer selbständiger gestellt, von der Personalpolitik über den Zugriff auf Budgets bis hin zur Unterrichtsgestaltung. Schulen in Niedersachsen arbeiten heute im Qualitätskreislauf, nutzen Methoden des Projektmanagements zu ihrer Weiterentwicklung und werden im Abstand mehrerer Jahre von einer unabhängigen Behörde nach international anerkannten Qualitätskriterien inspiziert und beurteilt.
Mittlerweile müssen wir feststellen, dass die Anmeldungen an den Hauptschulen trotz aller Bemühungen stetig zurück gegangen sind. Das gilt auch für uns. In den vergangenen drei Jahren meldeten noch zwischen zehn und fünfzehn Familien pro Jahr ihre Kinder an unserem Hauptschulzweig an und das bei Jahrgängen, die zwischen 190 und 240 Kindern lagen. Die Waldschule hat aktuell etwa 1500 Schülerinnen und Schüler, unter 200 davon sind am Hauptschulzweig.
Heute werden in Niedersachsen angesichts dieser Lage Kooperationen, d.h. z.B. gemeinsame Klassen, von Haupt- und Realschulen ermöglicht; auch Gesamtschulen dürfen wieder gegründet werden.
Die traditionellen Vorteile der KGS als System, mit der Konstanz ihrer Grundpfeiler, mit der engen Zusammenarbeit ihrer Zweige, mit ihrer Durchlässigkeit, mit ihrem Anteil gemeinsamen Unterrichts aller und ihrem Komplettangebot unter einem Dach, liegen angesichts dieser Beschreibung auf der Hand. Die Waldschule Schwanewede hat aber auch die aktuellen Entwicklungen aufmerksam registriert, die neuen Herausforderungen kreativ aufgenommen und ihre schon in den 1990er Jahren begonnene strukturierte Schulentwicklung konsequent fortgeführt.
Sie ist im vergangenen Jahr inspiziert worden und hat erfahren, dass sie gemessen an den Qualitätskriterien für Schulen in Niedersachsen im oberen Landesdrittel liegt. Herausragende Bewertungen gab es in den Bereichen „pädagogisches Klima“ (v.a. unterstützende Arbeitsatmosphäre im Unterricht), „Schülerberatung und –Betreuung“, „Förderung der Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler“, „Schulklima und Schulleben“, „Kooperation mit anderen Schulen und externen Partnern“ (z.B. Grundschulen, Organisationen der Wirtschaft sowie Hochschulen und internationalen Partnern) und „Verwaltungs- und Ressourcenmanagement“.
Diese Stärken der Schule spiegeln sich auch in ihren Ergebnissen wider. So sind über den Schnitt mehrerer Jahre nur 4,2% der Abgänger ohne Abschluss geblieben (der Landesschnitt liegt bei ca. 10%). Dagegen haben 43,4% der Abgänger an allen drei Schulzweigen den erweiterten Abschluss erwerben können, der zum Besuch einer gymnasialen Oberstufe berechtigt.
Dafür hat die Waldschule in ihrer Entwicklung einige entscheidende Akzente gesetzt.
Da ist einmal ihre Umstrukturierung zur offenen Ganztagsschule, mit einem mittlerweile fast vierzig thematisch orientierte Kurse umfassenden freiwilligen Angebot, in dem alle Schülerinnen und Schüler der Schule ihre gemeinsamen Interessen verfolgen können und der aktuell fertig gestellten Mensa mit ihrem attraktiven Mittagsangebot, in deren Gestaltung sich die Schülerfirma der Waldschule mit großem Engagement eingebracht hat.
Da ist ihr Methodenkonzept, nach dem ihre Schülerinnen und Schüler fächerverbindend lernen, mit welchen Methoden man sich Informationen beschafft, sie verarbeitet, wie man an die Lösung von Problemen herangeht und wie man Ergebnisse präsentiert.
Und da ist vor allem ihr innovatives Zeit- und Betreuungskonzept, das Zeit schafft für die Entwicklung der Fähigkeiten zum eigenverantwortlichen und selbstgesteuerten Lernen, für die Entwicklung der Fähigkeiten zum eigenverantwortlichen und selbstgesteuerten Lernen, für die pädagogische Betreuung von Lerngruppen und für die individuelle Betreuung der Schülerinnen und Schüler durch ihre Klassenlehrkräfte und das mittlerweile an vielen Schulen Niedersachsens in gleicher oder ähnlicher Form Eingang gefunden hat.
Diese Neuentwicklungen sind vielversprechend und entwicklungsfähig. Sie sind noch nicht alle vollständig umgesetzt und ausgeformt, aber sie machen sich bereits jetzt im Schulklima und in der Einstellung vieler Schülerinnen und Schüler zum Lernen und zur Schule bemerkbar. Es wird noch einige Zeit brauchen, bis z.B. die EVA-Stunden innerhalb unseres Zeitkonzepts zur Zufriedenheit aller gestaltet sind, daher bleibt die Waldschule dabei, sich konsequent weiter zu entwickeln.
In diesem Schuljahr liegt ein Schwerpunkt dieser Weiterentwicklung auf einer Bestandsaufnahme und Neustrukturierung des Präventionskonzeptes der Schule.
Der zweite und für die Zukunft ausschlaggebende Schwerpunkt wird die Frage stellen, wie weit und in welcher Form die Bezüge der Schulzweige untereinander erweitert werden können, damit junge Menschen an unserer Schule nicht isoliert werden sondern im sozialen wie im fachlichen verstärkt voneinander profitieren können.
Lassen Sie sich in diesem Heft mitnehmen in die besondere Atmosphäre der Waldschule, spüren Sie die Aktivität und das Engagement ihrer Lehrerinnen und Lehrer für Ihre Kinder und deren Freude am gemeinsamen Tun. Ich wünsche Ihnen eine interessante und aufschlussreiche Lektüre.
[FH 2010]