"Kickflip"
Die Kunst des "Drehens": Aus einer Bewegungsstudie entsteht ein Wandbild
Martin Zülch
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| Abb.1 |
Waghalsig aufwärts springend vollführt er einen riesigen Satz aus der Schule hinaus. Nichts scheint ihn daran zu hindern. Das Brett wird sich umdrehen, die „Flugbahn“ auf ebener Erde enden. Blitzschnell passt er die 360° Drehung ab: geht in die Hocke, drückt das Brett mit seinen Füßen auf den Boden und rast davon ...
Die Fertigkeit, ein Skateboard durch präzises Treten in eine horizontale Drehung zu versetzen und anschließend wieder einzufangen, wird in der Skaterszene als „Kickflip“. bezeichnet. Mit diesem Idiom betitelte ein Schüler – Thies Burggraf – seine Zeichnung (Abb.1) die er zum Kursthema „Menschen in Bewegung“ anfertigte und die später als Bildvorlage für ein Wandbild diente. Der im Skaten geübte Schüler setzte sich ausgehend von Fotos mit dem genauen Bewegungsverlauf des „Kickflip“ auseinander. Ihm fiel dabei auf, dass während der 360°Drehung für einen Bruchteil von Sekunden auch die Unterseite des Skateboards zu sehen ist. Dieser Aspekt erschien ihm besonders reizvoll, als es darum ging, ein beliebtes akrobatisches Kunststück in ein „stehendes“ Bild zu verwandeln.
Zur Entwicklung des Ausgangsmotivs ...
Das Kursthema war auf eine Lerngruppe aus dem 12.Jahrgang zugeschnitten: Mehrfach hatte ich beobachtet, wie sich Thies und einige seiner Mitschüler während der Pausen mit einem „Haggisack“ vergnügten, indem sie untereinander den handlichen Fußbeutel mit äußerst kuriosen Posen und Verrenkungen in Umlauf brachten.
Im zweistündigen Grundkurs wurde das Thema auf Werke des Futurismus (z.B Umberto Boccionis Radfahrerstudien) eingegrenzt – auf jenen „Dynamismus“ menschlicher Bewegungsmomente, der in komplexen Auffächerungen und Echoformen in Erscheinung trat. Dieser kunsthistorische Schwerpunkt regte die Schüler zu genauer Beobachtung von Bewegungsabläufen an. Davon ausgehend sollten sie in der Semesterarbeit individuelle Formulierungen für „Menschen in Bewegung“ entwickeln, die je nach Bewegungsart sehr unterschiedlich ausfallen konnten.
Thies Burggrafs Bleistiftzeichnung zog nicht nur aufgrund seiner ungewöhnlichen Motivwahl, der untersichtigen Perspektive und spürbaren körperbezogenen Verkürzungen die Blicke auf sich. Interessant daran war auch die Lebhaftigkeit seiner Linienführung: Während Arm- und Beinbewegungen, Kapuzenpullover und „baggy pant“ des Skaters in einem schwungvollen, wellenartigen Rhythmus umrissen sind, macht sich im unteren Teil des Bildes ein Geflecht von ovalförmigen Kurven bemerkbar, mit dem die Rasanz des „Kickflip“ zum Ausdruck gelangt: Hier, wo das Skateboard in drei sich überlagernden Phasen zu sehen ist, erreichen zeichnerische Intensität und Bildspannung ihren Höhepunkt: Wird sich das Brett rechtzeitig nach hinten herumdrehen und dem Skater wieder Halt geben?
In dieser außergewöhnlichen Zeichnung war eine Ausdrucksstärke angelegt, die noch nicht ausgeschöpft schien. Deshalb empfahl ich Thies, auf einer Fotokopie eine farbige Version des Motivs zu entwickeln.
Auf der vergrößerten Kopie traten Linien und Umrisse viel kräftiger hervor und regten den Schüler zu einer Farbgestaltung mit Buntstiften an, welche die Gesamtwirkung intensiviert (Abb.2): Mit dem Luftsprung des Skaters korrespondieren z.B. die Blautöne seiner Hose oder der weiße Pullover, womit sich die Figur dem farblosen „Luftraum“ anverwandelt. Die Grüntöne im unteren Teil hingegen deuten auf Erdnähe und Schwerkraft hin. Dazwischen sticht das signalfarbene Rot der Sportschuhe hervor. Es unterstreicht die energiegeladene Beinarbeit – den Augenblick des Lostretens und Auseinanderspreizens, auf den hier alles anzukommen scheint.
Ferner erweiterte Thies die Farbpalette mit Gelb- und Orangetönen sowie mit einem stark sich verdunkelnden Violett, das den Blick wiederum nach unten zieht. Seine Farbverteilung orientierte sich daher nicht nur an Komplementärwirkungen, sondern schloss jenes Spannungsmoment unterhalb der Figur mit ein, welches nunmehr auch durch das Zusammenwirken von Gelb- und Violetttönen zum Ausdruck gelangt.
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| Abb.3 |
... und dessen Eignung als Wandbild
Für den Entschluss, dieses Motiv als Wandbild zu gestalten, war der spezifische Duktus maßgeblich, mit welchem Thies den Skater in Szene setzte. In der Darstellung „prankenartiger“ Hände, „geknautschter“ Hosenfalten u.a.m. sind Einflüsse von Comics und Zeichentrickfilmen zu spüren, die mit futuristischen „Echobildungen“ eng verbunden sind. Hier machte sich eine Cross-over-Ästhetik zwischen künstlerischen und alltagskulturellen Sehweisen bemerkbar, die, wie viele Kursteilnehmer meinten, in einer Wandgestaltung exponiert werden sollte.
Gleich beim ersten Rundgang durch die Schule entschied die Gruppe, dass kein anderer Standort für das Bild infrage kam als die Backsteinwand über der Eingangstreppe zur Teppichaula. Dort korrespondierte die diagonale Ausrichtung des Skateboards mit der Stufenschräge der Treppen, die im Zusammenspiel mit dem Motiv an eine Rampe erinnert. Und nur an dieser Stelle, in direkter Nähe zum Ausgang des Hauptgebäudes, ließ sich ein Standortbezug zum Außenraum, der Skateranlage neben der Sporthalle, herstellen und gleichzeitig das Bild aus der Ferne betrachten.
„Sollte der Skater die Treppe hinauf- oder herabspringen?“, war zunächst die vorrangige Frage, bevor die praktische Arbeit begann. Immer wieder wurde deshalb die Folie auf dem Overheadprojektor umgedreht, weil ebenso die seitenverkehrte Ausrichtung des Motivs möglich schien. Die Schüler bevorzugten jedoch die erste Variante, weil ihnen der Augenblick des Herauf- und Herausspringens wie eine „Tollkühnheit“ vorkam und sie an so manche wagemutigen Auftritte in der Skaterszene erinnerte.
Ein Gestaltungsprozess ohne Ende?
Trotz lebhafter Farbigkeit fällt auch bei der zweiten Bildfassung ihre grafische Qualität ins Auge. Eine Herausforderung bestand deshalb darin, diese Besonderheit bei der Wandbildgestaltung zu berücksichtigen. Reichten dafür Ölpastellkreiden aus, die nun an die Stelle von Buntstiften treten sollten?
Um das Motiv zeichnerisch auf einer planen Oberfläche realisieren zu können, musste zunächst ein Bildträger mit einer Unterkonstruktion aus Vierkanthölzern und drei auf das Gesamtformat zugeschnittenen Spanplatten gebaut werden, deren vorderste einen Mauervorsprung ausglich und an die Treppenstufen angepasst war.
Nachdem es unter der Regie eines handwerklich talentierten Schülers gelang, den Wandbildträger relativ schnell fertig zu stellen, setzte im November 2003 die Bildgestaltung ein, an der alle am Projekt beteiligten Schüler in wechselnden Besetzungen mitwirkten. Hierbei konzentrierte sich Thies vor allem auf die Ausführung komplizierterer Details, während andere zunächst nur gröbere Farbflächen und Formverläufe anlegten. Bei auftretenden Schwierigkeiten demonstrierte ich an Ort und Stelle Feinheiten der Ölpastelltechnik – z.B., dass mit Sandpapier Aufhellungen oder Lichter erzeugt werden können.
Wie genau sich die Umsetzung an der Vorlage orientieren sollte, konnten allerdings die Schüler entscheiden. Thies strebte eine insgesamt „weichere“ Bildwirkung an, über die wir geteilter Meinung waren. Anfangs schien mir auch die Wiedergabe der schwarzen Umrisse erstrebenswert, wofür sich Ölpastellkreide jedoch kaum geeignet hätte.
Die zunächst zielbewusst in Angriff genommene Arbeit zog sich bis zum März 2003 hin, weil sie sich nur bedingt mit dem regulären Fachunterricht vereinbaren ließ. Zudem mussten Fehler korrigiert werden, die während der störanfälligen Projektion entstanden waren, oder deshalb, weil sich zu viele Schüler gleichzeitig betätigt hatten. Nach Abschluss des zweiten Kurshalbjahres war daher das Wandbild noch unvollendet, wie sich etwa an den zeichnerisch noch kaum ausgeprägten Kurven und Überblendungen im unteren Bildteil zeigte.
Die weitere Gestaltung wurde nunmehr auf freiwilliger Basis fortgesetzt. Dies geschah in konzentrierter Partnerarbeit, bei der wir jedes Detail mit der Gesamtwirkung verglichen: So erhielt z.B. die bislang „kopflos“ erscheinende Skaterfigur eine Kapuze oder der zuvor sehr eintönige Bildgrund wurde mit dynamischen „Luftlinien“ aufgelockert.
Direkt vor Ferienbeginn schien die Arbeit endlich zum Abschluss zu gelangen, und doch war nicht zu übersehen, dass der räumliche Gesamteindruck immer noch Schwächen aufwies. Worauf war dies zurückzuführen?
Zuguterletzt: ein Zufall, der weiterhalf
Während der Bildgestaltung blieb eine markante Wirkung unberücksichtigt: Der Wandbildträger setzt sich stark von der Backsteinwand ab, wodurch im Zusammenspiel mit dem dominantem Weißton eine „blockartige“ Gesamtwirkung entsteht und sich die Auffälligkeit der dargestellten Szene erhöht, zugleich aber ihr schwungvoller und atmosphärischer Charakter einschränkt ist.
Lange überlegten wir, wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt: Mit der Andeutung einer im Hintergrund auftauchenden „Halfpipe“? Oder mit zusätzlich eingeblendeten Luftaufnahmen vom Standort der Schule? Oder der Imitation eines „Eselsohrs“, das von der linken, oberen Ecke ins Bild hineinragt?
Im letzten Einfall bahnte sich ein Lösungsweg an, der nicht darin bestehen konnte, die Wandbildfläche mit irgendwelchen Fernsichten zu füllen. Vielmehr schien es darauf anzukommen, mit der vorhandenen Unzulänglichkeit gestalterisch umzugehen. Die Idee eines „Eselsohrs“ erwies sich hier – um im Bild zu bleiben – als „Eselsbrücke“, da in ihr der massive Bildträger als Gegebenheit aufgegriffen und zu einem riesigen Zeichenblock umgedeutet wurde.
Diese Wahrnehmung führte schließlich im Sommer 2003 zur Problemlösung. Zu einem der letzten Arbeitstreffen lud Thies seinen Freund Philipp Welter ein, der sich damals auf sein Designstudium als Tischlerlehrling vorbereitete. Angesichts der immer noch unbefriedigenden Wirkung zählten selbstironisch unsere bislang vergeblichen Ideen auf, denen wir beiläufig hinzufügten, dass der weiße Malgrund auch wie ein Zeichenblock mit Ringhalterung aussehen könnte. Auf diesen Bildgedanken reagierte Philipp mit der Idee, die Ringe mit runden, im Schiffsbau gebräuchlichen Holzrahmen zu imitieren, welche sich gerade noch rechtzeitig umsetzen ließ (Abb.3)
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| Abb.2 |
Vom „Dreh- und Angelpunkt“ der Bildaussage
Im Vergleich zu früheren Wandgestaltungen, die vorwiegend im Gymnasialgebäude der KGS Schwanewede realisiert wurden (vgl. Behr 2002, Zülch 2001), befindet sich das Skatermotiv an einem exponierten Ort, wo reger Durchgangsverkehr herrscht und sich Schüler aus allen Schulzweigen aufhalten. Dass sich die Schülerschaft mit diesem Bild angefreundet hat, mag mit seinem besonderen Stil und seiner Nähe zu einer Jugendkultur zusammenhängen, die sich durch Freude an der Körperbeherrschung und artistische Aktivitäten unter Gleichgesinnten auszeichnet. Aber wurde das Bild womöglich auch deshalb positiv aufgenommen, weil der namenlose Skater eine „Flugbewegung“ nach draußen, in die Pause, Freizeit und (vermeintliche) Freiheit vollzieht?
In der Bildaussage ist ein unlösbarer Widerspruch angelegt: Die Gestalt kehrt der Schule den Rücken und doch gehört dieses Motiv zu ihrem Rauminventar. Die objektkünstlerische Erweiterung zum Zeichenblock deutet ebenso auf ein Hobby wie auf Schulunterricht hin. Indirekt ist damit sogar ein Verweis auf den kunstpädagogischen Kontext gegeben: Thies hatte ja zunächst nichts anderes im Sinn, als eine Bewegungsstudie anzufertigen und dabei den Vorgang des „Kickflip“ als Sinnbild körperlicher Geschicklichkeit in Szene zu setzen. Aber jetzt, im erweiterten Kontext, scheint daraus auch ein riskanter Absprung ins Ungewisse geworden zu sein. Welche Wirklichkeit verkörpert der Skater und welcher wendet er sich zu? Geht es hier um unbändiges Freiheitsbegehren oder jugendlichen Eigensinn, der nach Freiräumen sucht und sich damit erzieherischen Zugriffen immer wieder „ent - zieht“? Oder um einen vitalen „Leicht-Sinn“, der beim Skaten besonders auffällig zum Ausdruck gelangt, aber ohne intensives Körpertraining gar nicht entwickelt werden kann? Oder womöglich um einen Sprung in jene Zukunft, in der sich die Zeit „jugendlicher Leichtigkeit“ ihrem Ende zuneigt?
Literatur
Behr, Manfred, „Schulkunst“ fordert Aufmerksamkeit, BDK-Mitteilungen 1/02
Zülch, Martin, Kunst in Konfrontation mit politischem Zeitgeschehen und in Zwiesprache mit Musik, in: Die Welt der Bilder/10 Begründungen zur Notwendigkeit des Schulfaches Kunst – mit Praxisbeiträgen, BDK-Materialien Band 7, Hannover 2001
Zülch, Martin, kunst.zeit.raum, ein Posterbook über künstlerische Projekte im öffentlichen Raum der KGS Schwanewede, 2001, Bezugsadresse: Waldweg 1, 28790 Schwanewede
Dieser Text wurde in der Fachzeitschrift KUNST+UNTERRICHT Heft 283/2004 veröffentlicht.
Abb.1 Thies Burggraf, 2001, Bleistiftzeichnung, 34 x 26cm
Abb.2 Thies Burggraf, 2001, colorierte Fotokopie, 42 x 29,7cm
Abb.3 Thies Burggraf u. a., „Kickflip“ , September 2002 – Oktober 2003, Wandbild im Hauptgebäude der Kooperative Gesamtschule Schwanewede, 3,65 x 4,65 m, Spanplatten, Vierkanthölzer, Abtönfarben, Ölkreiden, Schleifpapier, Terpentin, Bleistift, Fixiermittel, graue Pappe, 14 Holzrahmen für Bullaugen
Foto: Zahn-Jamaica-Gnitz-Neuendorf