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Die Publikation "kunst.zeit.raum"ist für 13 Euro incl. Versandkosten erhältlich bei der KGS Schwanewede, Waldweg 2, 28790 Schwanewede,Tel. 04209/750, Fax: 04209/7533.
"Schulkunst" fordert Aufmerksamkeit
Ein Posterbook über 18 Jahre Kunst
im öffentlichen Raum der KGS Schwanewede
Die Waldschule Schwanewede, eine Kooperative Gesamtschule in der Nähe von Bremen, ist von außen gesehen ein weitläufiger, nüchterner Zweckbau. Im Inneren überrascht jedoch die Präsenz des Faches Kunst, die in solcher Dichte und Vielfalt selten sein dürfte. Schülerinnen und Schüler nutzten vor allem im Gymnasialgebäude verschiedene architektonische Gegebenheiten, um sie zu ihrer eigenen Sache und ihrem (halb-)öffentlichen Wirkungsfeld zu machen: In den Eingangsbereichen und Treppenhäusern, auf den Stirnseiten von Fluren oder auf ungenutzten Stellflächen sind Wandmalereien und Installationen zu sehen, mit denen "Ehemalige" ihre Spuren hinterlassen haben.
In der gegenwärtigen schulpolitischen Situation, in der Kunstpädagog/inn/en zunehmend um ihre Existenzberechtigung ringen, kann solche Präsenz vor Ort in Schule und Gemeinde, als wichtiger Beitrag angesehen werden, um weiteren Einschränkungen des Faches entgegenzuwirken. Übergreifende Argumentationen zum Bildungswert der Bilder oder zum so genannten "pictorial turn" in der Gesellschaft stoßen oft auf Skepsis. Wer etwa meint "Die können uns viel erzählen, schauen wir doch erst einmal genauer hin, was im Kunstunterricht so gemacht wird der wird sich vor allem durch Ergebnisse aus der Praxis überzeugen lassen.
Hinschauen lohnt sich in Schwanewede, aber man muss dazu nicht von Bremen ins Unterwesergebiet fahren. Die Arbeit aus achtzehn Jahren Kunstunterricht wurde inzwischen in einer aufwändigen Gemeinschaftsarbeit dokumentiert: Das so genannte Posterbook zum 25jährigen Schuljubiläum stellte Martin Zülch aus älteren und neueren Fotografien zusammen. Diese Bildersammlung hat Björn Mehnen, ein ehemaliger "Waldschüler" und nun Grafik-Design-Student an der Kunsthochschule in Bremen, in übersichtlicher und ästhetisch überzeugender Form gestaltet. Dabei konnte er auf den fotografischen Blick und die gute Qualität vieler Fotos zurückgreifen, die Zülchs Kollegen Hermann Zahn zu verdanken sind. Daraus sind nun 24 Poster im DIN A3-Format entstanden (davon 18 in Farbe), die teils ganzseitig, teils in Sequenzen gestaltet ohne Beschriftung auskommen. Viele lassen sich daher als unkonventioneller Wandschmuck einsetzen - und fast alle unter bestimmten Voraussetzungen auch für Demonstrationszwecke im Unterricht.
Zusammengehalten werden die Blätter und das Begleitheft von einem professionell gestalteten Cover, das mit einer Posterübersicht versehen ist. Klappt man es auf so sind im Inneren 31 weitere kleinformatige Abbildungen von Schülerarbeiten und einer Kunstaktion ("Kunst darf nicht baden gehen") zu sehen, aus denen die dokumentarische Reichweite der Publikation hervorgeht.
Das Posterbook trägt den Titel "kunst.zeit.raum". Ausgehend von diesem Motto verfasste Martin Zülch zu allen Abbildungen einen parallel lesbaren Kommentar (41 Seiten), dessen deskriptive Anteile direkt über eine Marginalienspalte aufzufinden sind. Zugleich enthält der Text einen Abriss über "achtzehn bewegte Jahre" Kunst im schulöffentlichen Raum und erläutert drei Entwicklungsphasen der kunstpädagogischen Arbeit. Dabei tritt das Wechselspiel zwischen den nachhaltigen Impulsen, die anfangs von Body Bodensieck und Martin Zülch ausgingen, und der Kreativität der Schüler/innen deutlich hervor. Ihr Einfallsreichtum und praxisorientierter "Realismus" führte dazu, dass die ursprünglichen Konzeptionen teilweise drastisch, aber stets zum Vorteil der künstlerisch-ästhetischen Konsequenz verändert wurden. Zugleich zeigt sich das starke Plus eines Kunstunterrichtes, der sein Wirkungsfeld erweitert: Erst die mental-konzeptuelle und praktisch-tätige Zusammenarbeit der Schüler macht es möglich, anspruchvollere Gestaltungen im öffentlichen Raum durchzuführen.
Interessant ist auch, dass mit dem Posterbook fast zwei Jahrzehnte einer schulischen "Fachgeschichte" dokumentiert sind, in der sich die wachsende Akzeptanz der Schulöffentlichkeit und ein "zeitgeistiger" Mentalitätswandel unter den Schülergenerationen bemerkbar machen. Begann man zunächst mit eher konventionellen Motiven auf Spanplatten - etwa dem Nashorn, das eine Wand in der Teppichaula durchbricht' - , so wurden später direkt die Wände bemalt und zunehmend Anregungen aus der klassischen Moderne und Gegenwartskunst verarbeitet: vom Kubismus bis zu Pop und Minimal Art oder vom Surrealismus bis zum Fotorealismus oder zur figurativen Objektkunst. Auf einem Wandbild aus dem Jahre 1992 ist z.B. ein Gefangenenmotiv aus einem bosnischen Internierungslager mit der dazugehörigen Zeilenstruktur des Fernsehschirmes wiedergegeben, dessen Aufteilung sich nach unten hin in zwei Spiegelstreifen verlängert. Der Betrachter wird so zwangsläufig in das Bildgeschehen einbezogen. Aus heutiger Sicht kann dieses fotorealistische Bild immer noch als wichtiger Beitrag zum Phänomen der Ausgrenzung, aber auch zur zweifelhaften Authentizität von Kriegsbildern wahrgenommen werden (vgl. Begleitheft S. 16f.).
Dass aus den inspirierenden Einflüssen der aktuellen Kunst meist etwas Eigenständiges erwuchs, zeigen auch die Außenrauminstallationen, von denen inzwischen nur noch wenige existieren. Objekt- und Naturkunst standen z.B. Pate, als Schüler 1988/89 auf dem Pausengelände einen Autounfall nachstellten, das verunglückte Automobil à la Christo mumifizierten und schließlich von einer Riesenhand aus Naturmaterialien zurückerobern ließen (vgl. S. 11-13). Neben diesem ökologisch orientierten Beitrag thematisiert eine andere Installation aus dem Unterricht von Body Bodensieck die Möglichkeit mit künstlerischen Mitteln auf dem Schulgelände einen "intimeren" Ort des Miteinanders und der Kommunikation zu schaffen: Ein altes, 12 Meter langes Ruderboot wurde in drei Teile zersägt und in der Nähe des Sportplatzes als turmartiges Gebilde neu in Szene gesetzt, gleichermaßen als Unterstand oder Windschutz geeignet (S. 13f.).
Bei diesen teilweise ganz ungewöhnlichen Arbeiten konnte Vandalismus leider nicht verhindert werden - nur das Posterbook bewahrt jetzt noch die Erinnerung an die zerstörten Originale auf. Es zeigt sie in einem verdichteten Nebeneinander, aus dem die Bandbreite der Schülerarbeiten hervorgeht. Dabei fällt erst auf welche ästhetisch-künstlerischen Positionen im Laufe der Zeit zum Vorschein gelangten. Sie variieren zwischen angriffslustiger Kritik, Ironie und dem Vertrauen in neu entdeckte künstlerische Ausdruckssprachen. Der Textkommentar legt die jeweiligen Ansätze offen und regt zu verschiedenen Deutungen an.
Gegenüber der Experimentierfreude der Schüler zeigte sich die Schulleitung über weite Strecken aufgeschlossen. Deshalb bietet das Posterbook auch überzeugende Argumentationshilfen für jene Kolleg/inn/en, die mit verzagteren Vorgesetzten den Handlungsspielraum des Faches erweitern möchten. Der nicht unbescheidene Anspruch, in öffentlichen Räumen des Schulgebäudes, auf dem Freigelände oder auch in einer kommunalen Begegnungsstätte auf das Fach Kunst aufmerksam zu machen, wird durch die künstlerische Qualität der Arbeiten eingelöst. Sie begründet, dass "Schulkunst" hin und wieder durchaus mit gleichem Recht wie arrivierte Kunst breitere Aufmerksamkeit einfordern sollte. Die bisherige Resonanz auf das Posterbook war nicht zuletzt aufgrund der grafisch sehr gelungenen Aufmachung beachtlich. Sie reichte von Presseberichten in den Kulturteilen des Bremer Weser Kuriers und der "tageszeitung" bis zu einer Fernsehreportage im Regionalprogramm von Radio Bremen.
Entnommen aus
BDK Mitteilungen 1-02 S.20ff
Fachzeitschrift des Bundes Deutscher Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher
Manfred Beh