Kunst - Posterbook - Vacuum - Black Box - Kickflip

Martin Zülch
Intervention of Vacuum Treeners
Bemerkungen zu einer Staubsaugerinstallation aus der 13.Jahrgangsstufe
von Christian Fuchs, Jens Schröder und Peter Brand

Der folgende Text wurde bewusst so formuliert, dass die Konzeption und Entwicklung eines Projektes, dessen Ergebnis in einem häufig frequentierten Durchgangsbereich ausgestellt ist, einer interessierten Öffentlichkeit verständlich werden. Er geht auf häufig gestellte Fragen ein und versucht, die fachliche Arbeit transparent zu machen.

Soll das Kunst sein?

Die Bildende Kunst bringt immer wieder Ungewohntes und Merkwürdiges zur Erscheinung. Phänomene mit anderen Augen zu sehen, in besonderer, unkonventioneller Weise zu gestalten und so die Alltagswahrnehmung mit einer guten Portion Fantasie oder Scharfsinn "aus den Angeln zu heben", kennzeichnet seit jeher das künstlerische Metier. Davon etwas Schülerinnen und Schülern nahe zu bringen, ist Aufgabe des Kunstunterrichtes.

Hängt mit diesem Kunstverständnis auch
der geheimnisvolle Werktitel zusammen?


"Intervention" heißt "Einmischung" oder auch "Dazwischentreten". "Vacuum treeners" ist ein Wortspiel, das Schüler des 11. Jahrgangs erfanden und sich auf "vacuum cleaners", den englischen Ausdruck für Staubsauger, bezieht. "Cleaner" wurde durch die Wortverschleifung "treener" ersetzt. Darin steckt "tree" (Baum) oder das Verb "to tree" (auf einen Baum hinauftreiben), das sinnbildhaft auch mit "in eine schwierige Lage bringen" übersetzt werden kann. Ausgehend von der ersten Möglichkeit lässt sich der Titel kurz und prägnant mit "Intervention der Staubbäumer" ins Deutsche übertragen. Diese Formulierung nimmt die englische Wortverschleifung mit dem Substantiv "tree" auf und berücksichtigt ihr aktives Moment im Sinne eines "Aufbäumens" oder "Sich Widersetzens". Die besondere Ästhetik der Installation wird auf diese Weise auch im Titel berücksichtigt.

Wie entstand die Idee zur
Staubsaugerinstallation?


In Bremen fand ich vor zwei Jahren im Sperrmüll drei alte Hoover-Modelle - vermutlich aus den 60er Jahren. Dabei handelt es sich um einen Staubsaugertyp, bei dem im Unterschied zum Bodenstaubsauger der Auffangbeutel an der Lenkstange befestigt ist und der von der berühmten amerikanischen Firma Hoover bereits 1908 auf den Markt gebracht wurde. Dies ermöglichte erstmals eine mobile und einfachere Wohnungspflege.

Die Fundstücke lösten bei mir die Vorstellung aus, dass eine größere Zahl verschiedener ausgedienter Staubsauger - als frei stehende Plastiken mit aufwärts gerichteten Gehäusen, Schläuchen Teleskop- oder Lenkstangen - einen ungewöhnlichen Eindruck hervorrufen könnten: das Bild von Haushaltsgeräten, die nicht mehr den Boden, sondern "eigenmächtig" die Luft und den Himmel zu reinigen scheinen.

Ich dachte damals, dies könne für ein ungewöhnliches Kunstprojekt im öffentlichen Raum eine neue Idee sein. Inzwischen wird allerdings auf der Titelseite eines Prospektes der Firma Miele für einen Bodenstaubsauger geworben, der mit empor ragendem Saugrohr vor einem künstlichen Sternenhimmel in Szene gesetzt ist. Dieses Motiv preist die Umweltfreundlichkeit des Firmenprogramms und suggeriert, dass mit dem Kauf von Miele-Produkten "etwas Gutes für die Umwelt getan wird". Im Gegensatz zu dieser Werbebotschaft geht es bei der Installation der Schüler jedoch darum, Staubsauger als Symbolträger einer allgemeinen "Atmosphärenbereinigung" einzusetzen. Damit spielt sie auch auf eines der hartnäckigsten Zukunftsprobleme an - die Verunreinigung der Erdatmosphäre mit Treibhausgasen, dem bislang wohl gefährlichsten Müll der hochtechnisierten Menschheit.

Gibt es für diese Gestaltung mit realen
Staubsaugern künstlerische Vor-Bilder?


Mit Alltagsdingen künstlerisch umzugehen, beruht inzwischen auf einer Tradition: Bereits im zweiten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts begann der Franzose Marcel Duchamp, industriell erzeugte Gebrauchsgegenstände ihrer ursprünglichen Funktion zu entkleiden und sie in ihrem funktionslosen Zustand - ohne oder mit nur geringfügigen Veränderungen - zu Kunstwerken zu erklären. Seit den 50er Jahren wurde dieser Ansatz konsequent weiterentwickelt: So machte z.B. der Franzose Fernandez Arman auf die besondere ästhetische Wirkung gleichartiger oder ähnlicher Alltagsdinge aufmerksam, indem er sie in gehäufter und konzentrierter Form zur Schau stellte. Mit diesen "Akkumulationen" kultivierte Arman ein Gestaltungsprinzip, das auch bei der Installation der Schüler zur Anwendung gelangt.

Als Kunstwerke wurden Staubsauger bislang nur selten präsentiert. Eines der wenigen Beispiele ist das Werk "New Hoover Deluxe Shampoo Polishers" des Neopop-Artisten Jeff Koons aus den 80er Jahren: Dabei handelt es sich um drei neuere Handstaubsauger der genannten Marke, die Koons senkrecht in einem luftdicht versiegelten Plexiglaskasten aufstellte und mit sechs an jeder Seite hinzugefügten Neonröhren ausleuchtete, womit er ihnen eine sakral anmutende Dauerhaftigkeit verlieh.

Die stärkste Anregung für unser Projekt ging indes von einem ganz anderen Kunstwerk aus: 1969 gestaltete Joseph Beuys mit zwanzig Schlitten eine Art Invasion, die er als "Rudel" bezeichnete. Aus einem alten Volkswagenbus gelangen die Schlitten ins Freie und bewegen sich wie eine "Marschkolonne" zielstrebig in den Raum hinein. jeder von ihnen ist mit einer Rolle Filz, einem Klumpen Fett und einer Taschenlampe ausgerüstet, wodurch sie an Lebewesen erinnern. Diese Form der "Anverwandlung" spielt auch bei den "Staubbäumern" eine zentrale Rolle.

Warum ließen sich Schüler auf
dieses zeitaufwendige Experiment ein?


Bereits vor zwei Jahren beabsichtigten vier Schüler des 13.Jahrgangs, eine "Herde" von Staubsaugern auf dem Dach der so genannten Seufzerbrücke zu installieren, die zwei Gebäudeteile des Gymnasialkomplexes verbindet. Damals verzögerte sich dieses Vorhaben aufgrund der erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen und musste schließlich aus Zeitgründen aufgegeben werden. Seither hatte sich aber die damit verbundene Idee in der Oberstufe herumgesprochen und stieß vor allem beim letzten Abiturjahrgang - bei Schülern, die ich im Fach Politik und früher bereits im Fach Kunst unterrichtete - auf lebhaftes Interesse. Im vierten Semester führte meine Kollegin Holzenkämpfer einen Grundkurs zum Thema "Plastisches Gestalten" durch, in dem sechs Schüler den Wunsch äußerten, das Staubsaugerprojekt unter neuen Vorzeichen in Angriff zu nehmen. In Absprache mit der Kollegin entwickelte die Gruppe nun unter meiner Anleitung ein Gestaltungskonzept für den Eingangsbereich im ersten Stockwerk des Gymnasialgebäudes - einer Durchgangszone, die zugleich als Pausenaufenthaltsraum und für die Ausstellung plastischer Arbeiten genutzt wird. An diesem Standort, so stellten wir fest, ließ sich eine Installation gut durchführen: Entlang einer Konstruktion aus Vierkanthölzern sollten die Staubsauger zur Decke und Dachluke "emporklettern" und dabei die Gestalt eines Baums bzw. einer Astgabelung annehmen. Ein erster Installationsversuch gegen Ende des Semesters zeigte aber auch, dass eine künstlerisch anspruchsvolle Realisierung noch zusätzliche Zeit in Anspruch nehmen würde.

Allen voran setzten sich nun Christian Fuchs, Jens Schröder und Peter Brand dafür ein, das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Darin sahen sie eine Chance, ähnlich wie frühere Jahrgänge im öffentlichen Raum der Schule etwas Dauerhaftes und Allgemeingültiges zu hinterlassen. Zudem bereitete es ihnen Freude, im Kontakt mit der Schulöffentlichkeit etwas Sehenswertes zu schaffen, indem sie während der Arbeit wissbegierigen Mitschüler/inne/n Rede und Antwort standen. Gleichzeitig stellten sie sich den Herausforderungen eines künstlerischen Gestaltungsprozesses, der von produktiven "Versuchen und Irrtümern" bestimmt ist.

Welche Rolle spielte die Kreativität der Schüler bei
der Umsetzung des Vorhabens?

Bei der skizzierten Bildidee schien es besonders spannend, was die Schüler daraus machen würden. Deshalb sollten sie dazu auch eigene Entwurfsideen einbringen und in den Semesterarbeiten zum Ausdruck bringen. Diese unterschieden sich voneinander nicht nur in dem jeweils bevorzugten Herstellungsverfahren, sondern variierten auch die Thematik in sehr unterschiedlicher Weise: von der unversöhnlichen "Allianz" zwischen Natur und Technik, die Pawel Sickinger mit großem zeichnerischen Können veranschaulichte, bis hin zum konsequent komponierten, aus tiefer Dunkelheit hervortretenden "Staubsaugerbaum" von Christian Fuchs - einem Entwurf, in dem das Konstruktionsprinzip der Installation bereits berücksichtigt ist.

Bei der Gestaltung der Großplastik kam es jedoch nicht nur auf künstlerisches Talent an, sondern ebenso auf Teamgeist und handwerkliches Geschick: Während der Unterrichtszeit hatte die Gruppe bereits einen Pfeiler aus zwei Vierkanthölzern fertiggestellt, die Motoren aus den in der Schule gesammelten Staubsaugern ausgebaut und die Gehäuse mit Schrauben provisorisch am Pfeiler befestigt. Weil sich dieser Zustand der Installation noch als unbefriedigend erwies, entwickelten Christian und Jens - gelegentlich auch Peter - vor und nach ihrem Abitur eine ungeahnte Energie, um die "Farbpalette" und den Spielraum für die plastische Gestaltung zu erweitern: Sie schafften von einem Entsorgungszentrum in Osterholz-Scharmbeck 15 weitere Staubsauger herbei, stabilisierten die frei stehenden Schläuche von innen mit biegsamem Betoneisen und gelangten nun über ein "Probehandeln" zum Endergebnis, indem sie sich Schritt für Schritt überzeugende Anordnungen im Hinblick auf die form- und farbspezifische Komposition der Staubsauger erschlossen.

Welche Wirkungen sind mit dieser
Installation beabsichtigt?


Das Motiv von Staubsaugern, die sich selbstständig machen und ein "Eigenleben" entfalten, zeichnet sich zunächst durch ihren aufwärts gerichteten Bewegungsverlauf von der Bodenplatt e hin zur Decke und zum Deckenfenster aus. Dabei ist bei näherem Hinsehen zu erkennen, dass im unteren Bereich die kompakteren Bodenstaubsauger dominieren, während weiter oben vermehrt Handstaubsauger als sich verjüngende, raumgreifende und auseinander strebende Elemente in Erscheinung treten. Durch deren Schrägstellung und "Verzweigung" wird - im Zusammenspiel mit den sich empor windenden Schläuchen eine dynamische Gesamtwirkung erzielt, die mit dem Aspekt des "Aufbäumens" korrespondiert. Zugleich ist zu spüren, dass die Installation an diesem Standort den Eingangsbereich zum Kunstflur einzuengen oder zu versperren droht. Sie "interveniert" genau dort, wo zu gewissen Zeiten ein reger Durchgangsverkehr herrscht und sich zudem die "Station" der für den Kunstbereich zuständigen Raumpflegerinnen befindet.

Der langen Sammeltätigkeit ist zu verdanken, dass in dieser Großplastik verschiedenste Modelle und Produktgenerationen von Staubsaugern vertreten sind. So eröffnet die Installation zunächst die Möglichkeit, unterschiedliche Ansätze des Industriedesigns zu vergleichen - etwa die zu früheren Zeiten "geradlinige" Produktsprache mit der heutzutage eher "organischen" Formgebung. Neben den Hoover-Modellen befindet sich rechterhand sogar ein altes Exemplar der Firma Siemens aus der Frühphase industrieller Formgebung, dessen Prototyp die AEG bereits Ende der 20er Jahre auf den Markt brachte. Zu dieser Zeit wurde der Staubsauger immer handlicher, konnte bereits von einer Person bedient und deshalb auch zur Domäne der Frau werden. In diesem Zusammenhang verweist die Plastik auf die schnelllebigen Entwicklungen und "Altlasten" unserer Massenproduktkultur und setzt sich zudem aus einer "Gerätewelt" zusammen, deren Gebrauch von einer lang andauernden geschlechtsspezifischen Rollenverteilung geprägt ist.

Die Installation zeigt jedoch auch Staubsauger in einer vollkommen funktionslosen oder sinnwidrigen Konstellation, in der sie, von allen Alltagszwängen befreit, gleichsam "animalische" Kräfte entfalten. Dies kann zunächst den Blick für das besondere Farb- undFormenspiel, das "Durcheinander" von festen Körpern und "bewegten Linien" oder für die Spannung zwischen konvergierenden und auseinander strebenden Bewegungsrichtungen öffnen. Diese komplexe Wirkung hätte sich zweifellos noch mit einer akustischen Simulation dramatisieren lassen. Dann wäre es prinzipiell auch möglich gewesen, die Staubsaugergeräusche wie bei einer Klaviatur über eine Fernbedienung einzeln, nacheinander oder sogar gleichzeitig zu Gehör zu bringen. Der Betrachter hätte dann mit diesem Werk interaktiv "spielen" können. Leider ließ sich eine solche, technisch höchst aufwendige "Klanginstallation" nicht realisieren.

Nimmt man die gesamte Konfiguration und Ausrichtung des wuchernden Gebildes in den Blick, so liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich hinter dessen vermeintlich "spielerischem" Erscheinungsbild ein durchaus ernster Bezug zur Klimaschutzproblematik verbirgt: Die Staubsauger verkörpern zusammen die Gestalt eines Baumstamms - der sich nach oben hin verzeigt, und versinnbildlichen so die für die Reinhaltung der Erdatmosphäre ungemein wichtige "Filterfunktion" des Baumes. Beobachtet man nun, wie die Staubsauger alle nach oben hin aus dem Innenraum ins Freie drängen, so erwecken sie zugleich den Anschein, die Luft und Atmosphäre ohne jede menschliche Steuerung reinigen zu "wollen". Darin aber, dass sie an Stelle von Menschen "willentlich handeln", liegt die eigentliche Provokation der Installation: Von den Reinigungsgeräten scheint eine "Magie" oder "Zauberkraft" auszugehen - so, als sei diese ihnen notgedrungen aus menschlichem Versagen zugewiesen worden.

Der globale Klimawandel gilt derzeit als eine der größten Herausforderungen der Menschheit. In den Griff zu bekommen ist er nur, wenn Politiker und Wirtschaftsführer, Produzenten und Konsumenten - und das sind "wir alle" - die Regie eines vernünftigen Handelns beim Klimaschutz zurückerlangen.

Welche Bewandtnis hat es mit der Bodenplatte, die
rechts neben der Installation zu sehen ist?

Bei der Diskussion möglicher Wirkungen ihrer Installation legten Jens und Christian Wert darauf, dass sich deren ökologischer Sinn auch ohne zusätzlichen Kommentar erschließt. Diesem Anspruch schien uns jedoch die Großplastik noch nicht hinreichend zu genügen. Wie aber hätte eine "Sehhilfe" aussehen können, die die anderen Wirkungen der Plastik nicht einschränkt?

In diesem Zusammenhang lag es nahe, die Schüler mit einer Kunstrichtung vertraut zu machen, in der Worte oder Texte als künstlerische Medien eingesetzt werden, um beim Betrachter komplexe gedankliche Prozesse auszulösen. Als aktuelles Beispiel für die Concept Art wählte ich Hans Haackes viel diskutierte Installation "Der Bevölkerung" im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes. An ihr war für unser Projekt vor allem aufschlussreich, dass der in den Holztrog eingelassene Schriftzug in Frontalperspektive nur von oben wahrgenommen werden kann. Entsprechend haben wir uns entschieden, rechts neben der Staubsaugerplastik eine Bodenplatte anzubringen, die relativ unauffällig und doch als wirkungsvolles Element der Installation in Erscheinung tritt. Auf ihr sind der Werktitel und ein Text zu lesen, der zur Überschrift in keiner schlüssigen Beziehung zu stehen scheint.

Für den Text wählten wir aktuelle Fakten zum globalen Klimawandel aus zwei Ausgaben der "Greenpeace-Nachrichten" - darunter ein Zitat, in dem der US-Präsident für die derzeitigen Rückschläge in der Klimaschutzpolitik verantwortlich gemacht wird. Im Kontrast zu den aktuellen Greenpeace-Meldungen verliehen wir dem Schriftbild einen "klassischen" Charakter, der an Denkmal- oder Grabinschriften erinnert. Von der Bodenplatte geht so die Aura einer "denkwürdigen" Überlieferung aus vergangenen Zeiten aus - ein "Denk mal"-Impuls, der auch nach den Ereignissen des 11.Septembers nichts an Brisanz eingebüßt hat.

Text und Bilder wurden den BDK Mitteilungen - Fachzeitschrift des Bundes Deutscher Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher entnommen.