Von Pink Floyd zu Pink Panther
Eine Dokussage mit Ecken und Kanten
Schwanewede. Erst verwöhnte beschwingt Orchestermusik von Vivaldi dann malträtierten infernalische Klänge von Pink Floyd das Ohr. Zuletzt schlich auf swingenden Pfoten der Pink Panther durch den Saal. Mit einem Programm, das sich zwischen allen Stilen bewegte, sprengte die jüngste Dokussage in der Schwaneweder Waldschule musikalische Grenzen.
Was rund 100 Schüler und acht Lehrer als Ergebnisse der musisch-kulturellen Woche vom 17. bis 21. September auf Spiekeroog präsentierten, ließ aufhorchen. Das war nicht weichgespültes "Easy listening" sondern ein Programm mit Ecken und Kanten: widersprüchlich, traditionell und experimentell, provozierend, auch mal Ohren und Augen strapazierend. Schranken zwischen U- und E-Musik wurden nieder gerissen, Gefühle entluden sich in Tönen, Videos setzen Stimmungen ins Bild. Die Dramaturgie des Abends war nicht darauf angelegt Kontraste durch sanfte Übergänge künstlich zu glätten. Das machte es für das Publikum dreieinhalb Stunden lang vom ersten bis zum letzten Ton spannend.
Da entpuppten sich vermeintlich gegensätzliche musikalische Welten als gar nicht so fremd. Wer hätte gedacht, dass Beethovens Klaviertrio in c-moll und Pink Floyds "A saucer full of secrets" etwas verbinden könnte? Das Kammermusikensemble und das Projekt "Musik und Video" machte Gemeinsamkeiten hörbar. Hier wie dort baute sich ein Spannungsbogen auf. Stephanie Kurz und Karl-Friedrich Hofmann zündeten mit dem ersten und dritten' Satz des Klaviertrio am Flügel ein musikalisches Feuerwerk. Schnell und kurz trippelten Töne, hüpften zart von den Tasten oder sprangen mit kraftvoller Energie abrupt in den Raum. Klänge taumelten in die Tiefe, um sich gleich darauf in rasanten Läufen zu steigern und eruptiv zu entladen. Das Pink-Floyd-Spektakel war ähnlich gestrickt. Leise-quietschend glitt der Bottleneck über die Saiten der E-Gitarre, fast sakral hallte ein hoher Keyboard-Ton, dezent begleitet von Schlagzeug und Bass, Ohne Vorwarnung dann die Explosion: In einem Höllenlärm jaulten Saiten, schepperten Schellen, hämmerten Tasten, dröhnten Trommeln. Hemmungslos gingen Musiker und Sängerin Inken Thurm aus sich heraus.
Noten mit Gefühl und Seele zu füllen, das war das Ziel von Kai Wefer, der das Projekt "Musik und Video" mit Björn Mehnen betreute. Bilder setzten die Klänge visuell um. Mal passten sie sich Rhythmus und Stimmung der Musik an, mal bildeten sie einen spannungsvollen Kontrast.
Das Ton- und Bildspektakel machte deutlich, worum es auf Spiekeroog geht: um Kreativität, das Ausloten von Möglichkeiten und das Entdecken ungeahnter Fähigkeiten. Die experimentelle Tonkost zwischen Klassik und Big-Band-Musik war nicht immer leicht verdaulich. Ein minimalistisches Stück von Morton Feldmann wurde als "Tischmusik" angekündigt. Zu ein paar abgehakten Klaviertönen funkelten auf der Leinwand Buchstaben. " War das jetzt Tischmusik? Mit ist der Appetit vergangen ", kommentierte ein Schüler verständnislos. Auch an einem Techno-Rap hatten einige schwer zu schlucken. Im Sperrfeuer des Schlagzeugs stampfte der Beat, minutenlang blitzten grelle grüne Kreise auf der Leinwand auf. Die Attacke auf Ohren und Netzhaut war nicht nach jedermanns Geschmack. Einige Stühle leerten sich. "Zu laut und zu wild", waren sich zwei Damen mittleren Alters einig. Zwei Schülerinnen dagegen gefiel's. "Man muss auch bei der Musik mit der Zeit gehen", so das Urteil von Jessica. Die Kombination von Klassik und Moderne sei spannend, fand Christina.
Der sanft dahin gleitende "Caravan" von Duke Ellington holte alle zurück auf die Stühle. Die Bonsai Big Band der Waldschule und die Big-Band der Europa-Schule aus Karlsruhe ließen das Publikum swingen. Füße wippten, Hände klatschten im Takt, jede Soloeinlage, wurde bejubelt. Vom kleinsten Saxophonisten bis zur Trompeterin ließen die 40 jungen Künstler hören, wie viel Spaß sie an der Musik haben. Der Funke sprang auf das Publikum über, das stürmisch applaudierte.